Eine Ruine ist eine Ruine - oder ein Anfang für etwas Neues?
Manche Dinge erscheinen unverhofft schön.
Schon beim Einparken an dem Hotel im Schwarzwald fallen einem sofort Mauerreste in den Blick. Zum Teil sind sie noch wandhoch, an einer Seite fehlen sie gänzlich. Hier und da sind noch die alten, einfach Glasfenster in den Mauern, stellenweise ohne Kitt. So dass man sich fragt, wie die noch halten. Noch dazu sind sie geputzt. Weiter hinten finden sich ein paar dickere Äste in den Fensterausschnitten. Sie stützen den Holzrahmen. Das Tor an der Vorderseite des "Gebäudes" - ich nehme an, es war einmal ein Stall - steht offen und vor der Mauer zur Linken wachsen wunderschöne Rosen. Es lädt ein, hindurchzugehen. Im Inneren befindet sich ein wunderschöner Biergarten, der in der Sonnenhitze Schatten spendet und eine angenehme Ruhe ausstrahlt.
Es ist eindeutig ein Gebäude, dass den Zerfall erlebt hat. Eine Ruine. Würde man wohl sagen. Doch wer definiert eigentlich, was eine Ruine ist und was einfach nur herausgeputzt werden muss, um so wie es ist zu einem Schmuckstück zu werden?
Es gibt ja viele Menschen, die sich gerne "lost places" ansehen. Ich selbst gehöre auch dazu. Wie zum Beispiel bei dem alten, halb zerfallenen Hotel an einem See auf Sardinien. Durch Zufall und weil ich an jenem Tag mit etwas Abenteuerlust in kleinste und zugewachsen aussehende Straßen fuhr, habe ich es entdeckt. Die Straße führte in einem steten Linksbogen den Berg hinaus und war teilweise nur noch mit dem Motorrad befahrbar. Ein Auto hätte zwischen dem Geröll und den auf die Straße gewachsenen Bäumen nicht mehr hindurchgepasst. Und oben am Berg, mit wundervoller Aussicht über den See und ein weites, grünes Tal stand die "Ruine". Die Fenster alle kaputt, überall Scherben, eine dicke Staubschicht auf den Resten der Bar und in allen Räumen.
Ich wandere durch die ehemalige Halle, von der noch eine den alten Glanz ausstrahlende Marmortreppe in das Obergeschoss führt. Dort finde ich die ehemaligen Gästezimmer. Alle mit Bad. Das ist auch ohne Interieur erkennbar. Und alle mit einer großen Tür hinaus auf eine weit ausladende Terrasse, von der man wieder diesen fantastischen Blick genießen kann. Ich stelle mir vor, wie hier oben die Liegestühle unter weißen Sonnenschirmen standen. Mit kleinen Tischchen, auf denen man die servierten Cocktails abstellen konnte. Doch heute fegt der Wind nur lose Blätter und Gräser über kaputte Bodenfließen. Was diese wohl erzählen könnten? Wie viele Füße - kleine und große - haben sie erlebt? Wie viele Feiern, mit Tanz und Lachen und fröhlichen Menschen?
Schließlich gehe ich wieder hinaus. Durch eine ehemals bodentiefe Glaswand, die heute nur noch ohne Glas vorhanden ist. Ich steige auf mein Motorrad und fahre zurück in das Hier und Jetzt der Insel. In Gegenden am Meer. Da wo sich der Tourismus auf Sardinien lohnt. Nicht wie hier in den Hügeln an einem See, der vom Hotel aus zwar zu sehen, aber nicht erreichbar ist. Der zwar wunderschöne von oben zu betrachten, aber jetzt, im September, nur noch zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist.
Mit wie viel Enthusiamus ist hier ein Mensch herangegangen und wollte hier seinen oder ihren Gästen eine schöne Zeit bescheren? Hier hat es nicht funktioniert und eine Ruine ist alles, was übrig ist.
Im Schwarzwald hat es funktioniert und aus dem Zerfall eines Stalles (wie ich vermute) wurde ein Ort für schöne Abende. Liebevoll gestaltet, innen wie außen und mit Licht ins Szene gesetzt. Ein Ort, an dem man gerne einen Abend verbringt.
Was also ist ein Ruine? Was ist ein lost place? Wann und was füllen wir mit Leben? Und was machen wir mit unseren "ruinösen" Erinnerungen?
Eine Frage, die sich sicher jeder stellen kann. Doch ich werde sie nicht mehr heute stellen und wünsche uns allen, dass wir Orte finden und selbst ein Ort sind oder werden, wo sich aus dem Zerfall, aus der Vergangenheit etwas Neues, etwas Wunderbares und Schönes bildet.
(Und ausnahmsweise füge ich diesen Gedanken Bilder an...aus dem Schwarzwald...)